Kalte Sophie – ein Hauch von Herbstfeeling im Frühjahr

Das Angeljahr 2020 begann für mich durch den milden Winter fast pausenlos. Bereits im Januar luden die Temperaturen zu Tagesansitzen ein, welche jedoch meist eher nüchtern und bescheiden ausfielen. Zu dieser Jahreszeit ein paar Stunden am Wasser zu sitzen, hat auf mich auch ohne gefangenen Fisch eine sehr positive Wirkung. Diese Ruhe nutze ich gerne, um in Gedanken zu versinken und Träume in Pläne für die anstehende Saison zu verwandeln. Doch dann kam plötzlich alles anders… Am 22. März 2020 beschloss die Landesregierung ein weitreichendes Kontaktverbot und weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Virus-Pandemie. Das Frühjahr war in Gedanken damit bereits gelaufen. Durch die Schließung der Kitas war mir als Familienvater sofort klar, dass es nun Wichtigeres geben wird, als ein paar Karpfen nachzustellen. Das Angeln beschränkte sich ab diesem Zeitpunkt auf kurze Tagesansitze. Leider waren die sonst so ruhigen Waldseen plötzlich voll von Angeln und dazu suchten auch viele Bürger und Familien in der Natur die Möglichkeit mal wieder durchzuatmen. Wir alle wissen ja wie der Lockdown unser Leben verändert und eingeschränkt hat. Ich beschloss also dem von mir ausgewählten flachen 5ha See den Rücken zu kehren und mir einen Futterplatz an einem 28m tiefen Gewässer aufzubauen. Da durch Corona einige Gewässer gesperrt wurden, blieben mir regional leider keine Alternativen. Das ausgewählte Gewässer ist eine renaturierte Kiesgrube und besitzt kaum Flachwasser-Zonen und die Ufer fallen sehr zügig und steil ab. Nicht gerade das, was man sich im Frühjahr als erste Wahl aussuchen sollte, doch ich war heiß und wollte ein paar Dicke ans Band bekommen. Voller Entschlossenheit und Selbstmut fütterte ich zwei ganze Wochen täglich eine Stelle bei der ich weiß, dass sie im Herbst sehr gute Fische bringen tut. Das Futter verteilte ich von der direkten Uferkante bis auf etwas 8m Wassertiefe. Da die Eisheiligen bevor standen, war mein Plan, dass die Fische durch einen starken Temperatursturz wohl eher ein Stockwerk tiefer rücken könnten, was sich beim ersten Ansitz auch bestätigte. Ich konnte öfter nach dem füttern von einem Baum aus Fische beobachten, wie sie über dem Platz ihre Bahnen zogen und auch direkt an der Kante runter nach Kugeln suchten! Das machte mir zusätzlichen Mut!

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Die Fische schienen anscheinend die kurze Zeit zu nutzen, in denen die Sonne immer wieder mal zum Vorschein kam, um sich etwas zu Sonnen

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Als Futter verwendete ich eine Testversion von einem Boilie, welchen Phil und ich gemeinsam vor geraumer Zeit zusammengestellt haben und aktuell weiter verfeinern.  Gefüttert habe ich einen Mix aus 20mm und 24mm Boilies. Schauen wir mal, was die Testbaits noch an Fisch bringen werden – Infos folgen :)…

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Große Kugeln locken zwar nicht zwangsläufig große Fische, doch die Abwechslung der Ködergröße gestaltet es einfach natürlicher und verhindert, dass die Fische sich beim einsaugen auf das Gewicht der Köder einschießen. Als Hakenköder verwende ich seit Jahren spezielle Hookbaits und fische diese auch immer als Singlehook ohne Pop Up. Die High-Light Hookbaits haben den Vorteil, dass sie leichter und deutlich härter als Boilies aus der Tüte sind. Somit haben Weißfische, Grundeln aber auch Krebse keine Chance den Köder vom Rig zu klauen. Das reduzierte Gewicht lässt den Köder trotz Montage beim ansaugen förmlich ins Maul der Karpfen fliegen.

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Pünktlich mit den Eisheiligen schlug das Wetter um. Nach wochenlangem Sonnenschein und Temperaturen über 25° folge ein massiver Einbruch. Jetzt hieß es die Chance zu nutzen und mit etwas Glück haben die Fische richtig Hunger. Da meine Frau mittlerweile im Home-Office ihrer Arbeit nachging, plante ich zwei Vormittage ein zu fischen. Jeder von Euch der Familie hat, weiß welchen Spagat die Corona-Krise von einem abverlangt. Als ich Dientag in Winterklamotten bei 6° und Nieselregen am See aufschlug, hatte ich ein wahres Herbstfeeling. Schnell waren die Latten auf 4m und 7m an die Kanten geworfen und das eifrige warten begann. Nach 30min dann ein Dauerton, Vollgas Richtung Totholz und das Gezerre ließ meine durchgefrorenen Muskeln schnell zum glühen bringen. Nach einem harten Fight in dem wir uns nichts schenkten, lag ein bulliger Spiegler im Netz. Yes, so kann es weiter gehen und das tat es auch.

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Ein weiterer schöner Spiegler aus 7m Tiefe machte den Morgen perfekt und ich fuhr mit einem breiten Grinsen nach nur 3 Angelstunden und zwei traumhaften Fischen auf der Uhr zu meinen geliebten Mädels nach Hause.

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Meine Gedanken fieberten schon auf die nächste Session und drehten sich wie ein Karussell im Kreis. Endlich war Freitag und ich fuhr mit gutem Gefühl an den See. Dort angekommen änderte sich meine Stimmung blitzartig. 50m neben meinem Spot waren drei Stadtarbeiter bewaffnet mit ihren Stihl Motorsensen tatkräftig damit beschäftigt, das Gras und die Hecken freizuschneiden. Warum nur heute und genau hier dachte ich mir – der See hat doch über 14ha. Nach einer Fluppe war mein Blutdruck wieder im grünen Bereich und ich baute erst einmal auf. Wie bereits bei der letzten Session auch, wählte ich wieder zwei unterschiedliche Tiefen für die Ruten aus. Mit genervtem Blick und tauben Ohren durch die brutal lauten Motorengeräusche clipste ich die Schnur in die Hänger und keine 10sec später rannte die tiefe Latte los. Schnell war klar, dass hier kein Hampelmann an der Schnur zog, denn der Fisch blieb wie Kaugummi am Grund und zog wie eine Lokomotive mit Überzeugung die Kante runter. Trotz 50m vorgeschaltener 0,70er Schlagschnur bekam ich etwas weiche Knie, denn die steilen Kanten sind voll mit Muscheln und Steinschutt. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich den Fisch dann doch das erste Mal an der Oberfläche und sah einen gewichtigen Schupper. Weitere Fluchten in die Tiefe folgten bis ich den Bolzen dann endlich über die Bügel des Keschers ziehen konnte. In der Matte wurde klar, dass es einer der ganz Dicken aus dem Altbestand ist. Schnell rief ich meinen Kumpel an der kurz vorbeikommen sollte, um Pics zu machen.

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Gerade aufgelegt, läuft die zweite Rute und auch hier kam ein dicker Schupper zum Landgang auf die Matte. Was ein Tag dachte ich mir, in der ersten Stunde bereits zwei so extrem gute Fische und beides Schupper.

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In den verbleibenden drei Stunden fing ich dann noch zwei weitere gute Fische. Die Heimfahrt war wie ein Traumflug, denn ich konnte nicht glauben, was in dieser Woche abgelaufen ist.

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So ist Angeln, man braucht nicht immer zwangsläufig tagelang am See sitzen, um gute Fische zu fangen. In meinem Fall reichten 7 Stunden auf zwei Angeltage verteilt aus. Wie sagt man so schön – zur richtigen Zeit am richten Ort und die richtigen Vorbereitungen im Vorfeld getroffen.

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Abschließend möchte ich sagen, dass ich bewusst auf Angaben von Gewichten verzichte, denn jeder Fisch soll durch seine visuelle Erscheinung seine Ausstrahlung an den Tag legen. Das jagen nach Zahlen lässt oft das Schöne an unserem Hobby ins Hintertreffen geraten und kann einem auf Dauer den Spaß an der Sache nehmen!

Beste Grüße & bleibt gesund!

Sebi Roth